Rezo zerstört die CDU

Ich bin nicht auf der Höhe der Zeit, daher kannte ich Rezo, einen deutschsprachigen YouTuber mit aktuell gut 2,3 Millionen Followern, bis vor einigen Tagen nicht. Er fehlte mir auch ehrlich gesagt nicht.

Aufmerksam wurde ich auf ihn, wie vermutlich so etliche andere auch, durch die Berichterstattung über sein auf YouTube veröffentlichtes Video „Die Zerstörung der CDU“, das bis heute (22.5.19) über 3,2 Millionen Aufrufe gesammelt hat und über das in unterschiedlichen anderen Medien berichtet wird. Es ist laut Rezo „kein langweiliges Politikvideo, sondern wirklich ein Zerstörungsvideo“, wobei er nicht aktiv jemanden zerstören werde, sondern die „CDU sich selbst, ihren Ruf und ihr Wahlergebnis damit selbst zerstört“. Dann geht es durch unterschiedliche Politikfelder, die Wichtigsten: Klima- und Umweltschutz, Militär und Verteidigung sowie Internationale Beziehungen (vor allem zu den USA) und Soziales. Einen Überblick und eine Einordnung bietet einerseits die FAZ neben vielen anderen Medien. Anderserseits empfehle ich, sich das Video auch selbst anzusehen.

Grundsätzlich finde ich das Video gut. Die Message „es läuft einiges schief und es muss sich grundlegend etwas ändern, damit das Leben für zukünftige Generationen lebenswert bleibt“ gefällt mir. Ich will jetzt aber nicht alle Themen durcharbeiten, sondern möchte eine grundsätzliche Kritik loswerden, die mir in dem Video, aber auch bei anderen Gelegenheiten aufgefallen ist.

Parteien als eigenständige Gebilde

Rezo kritisiert „die CDU“ und auch andere „Parteien“ und lässt es für mich so aussehen, als seien diese autonome Gebilde. „Bildung hat für die [CDU] auch keine hohe Priorität“ sagt er zum Beispiel in Minute 5:16. Diese Sicht auf Parteien zieht sich durch das gesamte Video und mich stören besonders zwei Aspekte daran. Erstens scheint es, als ob Positionen der Parteien vom Himmel fallen und zweitens, dass der/die Wähler*in das nicht beeinflussen könne. Ich halte es aber für fatal, wenn genau das bei den vermutlich überwiegend jungen Zuschauer*innen hängen bliebe. Letztendlich ist die inhaltliche Position einer Partei das Ergebnis von Entscheidungen ihrer Mitglieder, die Grundsatz- oder Wahlprogramme, aber auch das Spitzenpersonal der Parteien bestimmen. Zweitens muss das Angebot, welches die Parteien machen, von den Wähler*innen angenommen und dann in Wahlen gewählt werden. Ganz grob verkürzt sollte aus meiner Sicht doch eher transportiert werden: wenn euch das Angebot der Parteien nicht gefällt, verändert es nach euren Vorstellungen (indem ihr z.B. in eine Partei eintretet oder eine neue gründet) bzw. setzt euch mit den Angeboten der Parteien auseinander (dazu gehört z.B. Wahlprogramme lesen, mit Politiker*innen sprechen und auch das bisherige Verhalten der Politiker*innen beurteilen), um bei einer Wahl eine vernünftige Entscheidung treffen zu können. Sicherlich muss man das lernen. Ich selber habe bei meinen ersten Wahlen auch sehr stark dazu tendiert so zu wählen, wie es meine Eltern mir vormachten (ich habe zwar die Wahlzettel nicht gesehen, aber über die Wahl haben wir schon gesprochen). Das hat sich aber über die Zeit verändert, da ich selbst mehr Interesse für Politik bekommen habe (als Politik- und Sozialwissenschaftler und Soldat vielleicht nicht verwunderlich).

Wie Parteien in Deutschland funktionieren und wie wichtig sie in unserem politischen System aktuell sind, kann man sich in diesem Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung ansehen. Ich halte politische Bildung für ungemein wichtig für junge Leute (auch vielen Älteren täte eine Beschäftigung damit im übrigen sehr gut!). In meiner Schulzeit ist sie rückblickend viel zu kurz gekommen, hoffentlich hat sich das bis heute verändert.

Mit meinem Hinweis will ich übrigens nicht sagen, dass das System so wie es ist 100%ig in Ordnung ist und man sich als junger Mensch dem zu fügen hat. Aber man sollte wissen, wie es funktioniert, wo Schwachstellen aber auch Stärken sind und sich dann ein Urteil bilden, was verändert werden könnte.

Einfluss der jungen Menschen

Ganz am Ende des Videos zieht Rezo ein Fazit. Darin stellt er fest:

„Das bedeutet zwei Sachen: zu einen, wir [er meint „die Jüngeren“] können gar nicht soviel reißen. Wir können höchstens dafür sorgen, dass die Parteien, die diesen lebenszerstörerischen Kurs fahren [er meint damit CDU/ CSU, SPD und AfD], wenigstens ein bisschen weniger Stimmen bekommen. In der Hoffnung, dass die Parteien merken, vielleicht sind das Themen, die ein bisschen mehr Aufmerksamkeit brauchen. Die ein bisschen mehr Priorität brauchen. Vielleicht sollten wir ein bisschen was verändern. Zum anderen bedeutet das, dass wir Eltern haben und Großeltern haben. Die wir davon überzeugen können. Wir können sie bitten und anflehen, dass sie ihre Stimme nicht einer solchen lebenszerstörerischen Partei geben. Damit ihre Enkel oder Urenkel auch in einer Welt leben dürfen wie wir sie jetzt kennen. Wir können unsere Eltern und Großeltern aufklären. Zeigt ihnen gerne den Klimapart aus diesem Video. Ich denke, wenn die das verstehen, werden sie diese Parteien nämlich auch nicht wählen. Denn Eltern und Großeltern ist nicht im Herzen wichtiger, als sicherzustellen, dass ihre Kinder und Enkel in einer sicheren Welt leben und kein beschissenes Leben haben.“

(ab Minute 53:50)

Im ersten Teil bezieht sich Rezo darauf, dass der Einfluss Älterer auf die Wahlergebnisse größer ist als von Jüngeren. Das liegt daran, dass es mehr ältere als jüngere Wahlberechtigte gibt und die älteren zudem häufiger an den Wahlen teilnehmen als jüngere. In politischen Parteien organisieren sich ebenfalls eher ältere Menschen, wie man am Durchschnittsalter der Mitglieder*innen der Parteien erkennt. Andererseits schrumpfen die ehemals großen „Volksparteien“ seit Jahrzehnten, hier am Beispiel der SPD visualisiert. Ich glaube, als junger Mensch sollte man nun nicht schimpfen, dass „die“ unsere Zukunft verkacken, sondern sich dafür einsetzen, dass die Jüngeren größeres Gewicht in der Politik erlangen. Auch wenn man das gegenwärtige politische System als unattraktiv und „langweilig“ ansieht, wird man aber mit dem bestehenden System zunächst umgehen müssen, wenn man es später ändern will. Hält man sich weiter raus, bzw. belässt man es dabei, sich gegenseitig YouTube Videos zum Thema zuzuschicken („preaching to the choir“) ohne aktiv etwas zu ändern, wird sich auf längere Sicht nichts ändern. Hingegen ist z.B. „Fridays for Future“ viel wirksamer: Tausende junge Menschen, die sich auf der Straße zeigen und erklären, dass es nicht wie bisher weitergehen kann!
Damit zum zweiten Teil des Fazits. Insgesamt hat Rezo hier Recht, allerdings denke ich wird es sehr lange, vielleicht zu lange, dauern, bis die Eltern und Großeltern erkennen, dass die Klimaerwärmung jetzt wirklich die existenzielle Frage der Zeit ist. Der menschliche Erkenntnisapparat hat mit dieser Einsicht große Schwierigkeiten, doch dazu an anderer Stelle mehr. Eltern könnten z.B. auch argumentieren, dass sie ihren Job im Braukohlebergbau behalten müssen, um so sicherzustellen, dass ihre Kinder kein beschissenes Leben haben. Dennoch wäre es gut, wenn es hierzu noch viel mehr Gespräche zwischen Kindern und (Groß-)Eltern gäbe.

Wie Rezo wünsche ich mir auch, dass die Erkenntnis sich schnellstens durchsetzen möge, dass es so nicht weiter gehen darf. Und zwar nicht bei „den Parteien“ sondern bei uns – bei jeder und jedem Einzelnen. Mit dieser Erkenntnis und damit dem Wissen, dass auch wir uns werden schnell verändern müssen, ist es dann an uns allen, dementsprechende Wahlentscheidungen zu treffen und die Jüngeren und Jüngsten auch auf der Straße zu unterstützen. Wenn aus dem freitäglichen Schulstreik auch mal ein Streik gemeinsam mit ihren Eltern, Onkel und Tanten und Großeltern würde, dann wird sich kein Politiker mehr hinstellen und das vor den Mikrfonen weglächeln können.

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